UNFUCK THE FUCKNESS
Geschichten von Jan H.
FÜR DIE, DIE SCHON EIN BISSCHEN GELEBT HABEN, DIE NEUGIERIGEN, DIE VERWUNDETEN UND DIE WILDEN.
KEINE FILTER. KEINE VERSPRECHEN. NUR GEDANKEN, ERINNERUNGEN UND WAS MICH SONST NICHT IN RUHE LASSEN WOLLTE.
! NICHT UNBEDINGT JUGENDFREI !
Das hier ist kein Blog.
Es hat keine Struktur.
Es folgt keinem Thema.
Es gibt keine Regeln.
Ich schreibe über das, was bei mir hängen bleibt, was mich bewegt,
was brennt,
was mich zum Lachen bringt.
Die Dinge, die in normale Gespräche nicht reinpassen.
Manches davon wird dir unnötig vorkommen.
Manches vielleicht zu ehrlich.
Na und.
Lies es langsam.
Oder lass es.
Aber wenn dir etwas davon bekannt vorkommt,
wirst du wissen, warum du hier bist.
Ich bin nicht hier, um irgendjemanden von irgendetwas zu überzeugen.
Manche Stellen werden es dir nicht bequem machen.
Eine kleine Anmerkung:
Wenn du das hier auf dem Handy liest, siehst du nur einen Teil des Raumes.
Also, ich hatte überhaupt nicht vor, das alles zu schreiben.
Es fing einfach an — alter Lärm, herumstreunende Erinnerungen
und Gedanken, die noch keiner eingesammelt hatte,
wie Wasser durch einen Riss im Stein.
Vielleicht ist es für niemanden.
Vielleicht für den Stein auf meinem Schreibtisch.

Ich musste es einfach rauslassen,
bevor es sich selbst verliert
oder die Welt mich in wohliges Schweigen schwindelt.
Es ist also nicht so, dass ich mich verloren fühle.
Ich bin nicht verloren.
Es ist Langeweile.
Scheiss Langeweile.
Sie zeigt sich in Kleinigkeiten.
In der Küche stehen,
darauf warten, dass das Wasser kocht,
das Handy in der Hand,
ohne zu wissen, warum.
Einen vollen Kühlschrank aufmachen
und wieder zumachen.
An Gesichtern, Orten, Mahlzeiten vorbeiscrollen,
die einem alle irgendwie bekannt vorkommen,
auch wenn man nie dort war.
Alles Neue ist bloß eine weitere Verkleidung.
Eine weitere Version von etwas, das es längst gibt.
Ich habe reich gelebt.
Bin gereist. Habe Sprachen gelernt.
Essen gegessen, das sich heilig anfühlte.
Tief geliebt.
Einen Sohn großgezogen, der meine Seele zum Leuchten bringt.
Früher habe ich alles gefühlt.
Heute ist alles bloß noch ein weiterer Tag.
Ich schreibe das nicht, weil ich das Leben hasse.
Ganz im Gegenteil.
Ich finde das Leben großartig.
Genau deshalb fühlt sich so vieles an unserem heutigen Leben falsch an.
Die Frage ist,
warum,
je älter ich werde,
sich das alles immer mehr wie vorgekaut anfühlt,
wie schon erinnert,
zu Erinnerung eingekocht,
noch bevor es überhaupt vorbei ist.
Und in dieser Welt wächst mein Sohn auf …
Die zwei Türen
Ich versuche, gesund zu leben.
Ich koche alles frisch für meine Familie.
Gesundes Wasser.
Guter Wein.
Ein bisschen Bewegung.
Manchmal sogar Bio-Gras.
Aber diese Welt, diese Zeit,
schiebt mich immer wieder durch zwei verschiedene Türen.
Die eine ist Meditation.
Für mich noch ziemlich neu.
Augen zu.
Sonnenuntergang oder Sonnenaufgang.
Wahrnehmen. Atmen.
Ohne Substanzen.
Ohne Ablenkung.
In diesen Momenten,
selbst mit meinem unbeholfenen Anfängergeübe,
war ich an Orten, die mein Geist noch nie berührt hatte.
Die andere ist das Vergessen.
Ein Glas Wein.
Ein Joint.
Meine Frau neben mir, oder ich allein,
hineintreiben in dieses warme, schwebende Irgendwo.
Es ist wunderschön.
Diese Momente würde ich nicht hergeben.
Hinter dieser Tür liegt etwas Ehrliches.
Ein Lockerwerden.
Ein Vergessen der Kanten.
Die Zeit hört auf, Fragen zu stellen.
Man geht nicht dorthin, um sich zu verbessern.
Man geht dorthin, um eine Weile mit dem Verbessern aufzuhören.
Um zu treiben.
Damit die Welt ihren Griff ein bisschen lockert.
Wer schon dort war, weiß:
Es geht nicht um Flucht.
Es geht um Erleichterung.
Würde ich es meinem Sohn empfehlen?
Ich weiß es nicht.
Wahrscheinlich nicht.
Aber vielleicht sollte ich.
Da ist noch eine …
Und jetzt — fünfzig, und dieses eine fucking Jahr —
frage ich mich, ob es noch andere Wege gibt.
Keine Drogen, die dich aushöhlen.
Keine, die dich abhängig machen.
Die anderen. Die uralten.
Die spirituelle Begleiter seit Jahrtausenden nutzen,
um den Geist zu öffnen,
um hinter den dünnen Schleier dieser Welt zu sehen, durch noch eine Tür.
Ich will hier niemandem etwas empfehlen.
Aber wenn die Realität mir die Luft abschnürt,
wo
zum fuck
soll
ich dann
sonst hin?
Wo findest du Frieden?
Boston
Eines Nachts lernte ich eine Staatsanwältin kennen.
Spät, in einer Bar.
Sie war betrunken — auf die süße Art.
Fragte mich nach Europa.
Erzählte, was sie beruflich machte.
Und dann sagte sie:
„Komm. Lass uns abhauen. Du und ich.“
Sie war wild und romantisch, vielleicht ein bisschen zu durchgeknallt.
Es war unsere erste Begegnung.
In dieser Nacht passierte nichts.
Danach sah ich sie monatelang nicht.
Beim zweiten Mal küssten wir uns dann — entschlossen, mit offenen Augen, lächelnd, hungrig.
Und wieder flüsterte sie:
„Lass uns weglaufen.“
Taten wir nicht.
Stattdessen holte ich sie ein paar Tage später
in ihrem Büro ab,
zu dem, was sie als unser „erstes Date“ betrachtete.
Ich fuhr mit ihr zum Ponkapoag Pond,
zu einem alten Indianerpfad, auf dem ich mit meinem Hund spazieren ging.
Sie lachte.
„Das ist ja verrückt. Mich hat noch nie jemand beim ersten Date zum Gassigehen mitgenommen.“
Es war nicht verrückt.
Es war nicht mal irgendwas.
Aber für sie fiel es aus dem Drehbuch.
Beim dritten Date kam sie mit in meine Wohnung.
Sie zog sich vor mir aus,
schlüpfte unter meine Decke
und lächelte — irgendwie stolz.
„Du kannst mit mir machen, was du willst.
Aber ich schlafe jetzt.“
Und das tat sie.
Einfach so.
Ich schenkte mir ein Glas Wein ein
und saß da in der Stille
und fragte mich, wie wir uns alle so verheddern konnten
in Erwartungen,
Drehbüchern
und Inszenierungen.
Nenn es eine Betrachtung
Ich weiß nicht mal, warum ich dir das alles erzähle.
Vielleicht, weil ich ersticke
an all den Schichten aus lautem, glänzendem Nichts,
um die wir unser Leben gebaut haben.
Vielleicht, weil ich will, dass mein Sohn
in einer Welt aufwächst, die noch weiß, wie Nähe sich angefühlt hat.
Vor Tinder.
Vor der Wischkultur.
Vor Dreißig-Sekunden-Reels.
Vielleicht muss ich mich selbst daran erinnern.
Das hier sind keine Memoiren.
Es ist kein Ratgeber.
Es ist bloß ein Mann,
der einen Eimer Ehrlichkeit
in Ozeane aus bedeutungslosen Klicks
und gezückten Kreditkarten kippt.
Und selbst jetzt
weiß ich nicht,
ob es sich je ganz richtig anfühlen wird,
dir das alles erzählt zu haben.

Schon wieder Boston
Dichter am Ritz
Eine andere Frau — auch Anwältin, älter als ich.
Wir wurden gute Freunde, echte Freunde, fast sofort.
Keine Spielchen.
Kein Bullshit.
Lange Gespräche über das Leben,
bis die Stühle auf den Tischen standen.
Und ja, einmal landeten wir im Bett.
Ich bereue es irgendwie.
Nicht, weil es nicht schön mit uns gewesen wäre,
sondern weil es nicht zu uns gehörte.
Der Moment, an den ich mich erinnere, ist nicht die körperliche Nähe.
Es ist der Abend, an dem wir ihre Lieblingsbar verließen
und zum alten Ritz-Carlton liefen.
Ich hatte einen Band mit russischer Lyrik dabei —
keine Ahnung mehr, warum.
Darin war ein Gedicht, das ich liebte,
über eine Frau und ihren Hund.
Wir blieben in einem Hauseingang neben dem Hotel stehen
und lasen es uns gemeinsam laut vor,
mit leisen Stimmen in die Nacht hinein.
Ein Streifenwagen wurde am Bordstein langsamer, hielt an, der Polizist hörte zu, lächelte
und fuhr weiter.
Wir lasen einfach weiter, verloren in diesem Moment.
Es war einer der herrlichsten, absurd-romantischen Momente meines Lebens.
Paris
Ich war Ende zwanzig und tief, tief verliebt in diese Stadt.
Ich lebte in Saint-Germain, sogar das Kopfsteinpflaster hieß mich willkommen.
Wohin ich auch ging, was ich auch tat, mir begegneten so viel Aufmerksamkeit und Offenheit —
als wäre da ein altes Band, Familie, als hätte ich schon immer dazugehört.
Die seltsamsten Dinge passierten mir, und ich sog alles auf —
den Herbst, die kleinen Lokale, den Jazz, die Straßenlaternen und den Nebel.
Paris — ein Elternteil, der mir den Weg zeigte, mein bester Freund.
Wenn ich am frühen Abend mit dem Schreiben fertig war,
suchte ich mir einen Tisch in einem Café im Viertel,
bestellte Rotwein und wartete einfach darauf, was passieren würde.
Manchmal kam eine dünne Frau mit einem dicken schwarzen Rollkragenpullover
an den Cafés vorbei und verkaufte — weiß nicht —
vielleicht Magnete und Feuerzeuge aus einem Bauchladen.
Ich zeigte nie Interesse, aber irgendwann
begrüßten wir uns mit einem freundlichen Nicken.
Eines Abends blieb sie an meinem Tisch stehen.
„Ich weiß etwas über dich“, sagte sie mit diesem starken französischen Akzent,
„und du wirst mir nicht glauben, aber es stimmt.“
Ich bot ihr einen Stuhl an, ein Glas Wein und eine Zigarette.
Ihre Augen funkelten vor Gewissheit, vor Freude.
„Wir haben am selben Tag Geburtstag“, sagte sie,
„am dritten Mai.“
Ich lächelte, zog meinen Führerschein raus. 3. Mai.
„Ich wusste es“, sagte sie.
„Schon als ich dich zum ersten Mal gesehen habe.“
Sie strahlte, für diesen kleinen Moment eine Königin von Paris,
und ich hatte das Glück, bei ihrer Krönung dabei zu sein.

vorher nachher und währenddessenWenn ich koche, fühle ich mich irgendwie ganz.
Von meiner eigenen Kreativität sanft gebraucht,
getröstet von der Routine,
angestachelt von einem Glas Wein.
Aber wenn ich male,
fordere ich mich selbst heraus -
und das ist so fucking aufregend
und brutal anstrengend.
Das Zwiegespräch zwischen mir und der Leinwand,
die Wahl der Farben, die Mittel, mit denen ich sie in Bewegung bringe,
der Kampf, meiner eigenen Vorstellungskraft zu folgen,
ohne mich an die Werke anderer zu erinnern -
ein paar Stunden vollkommene Freiheit.
Wilde Freiheit.
Der Moment so gegenwärtig,
dass er alles wegspült, was ich will,
und alles, was ich nicht will.
Niemand wird je verstehen,
was du dabei durchmachst, den Kampf und die Freude - muss auch keiner.
Aber sie sehen sich das Bild gar nicht an.
Sie denken:
„Hat er eine klassische Ausbildung?“
„Wird er von einer Galerie vertreten?“
„Lässt sich damit Geld verdienen?“
Niemand schaut mehr hin.
Niemand sieht.
Sie scannen.
Sie taxieren.
Sie gehen weiter.
Leer.
Aber das ist okay.
Ich male nicht für dich.

Tired of Patience I

Tired of Patience II
SpanienIch war gerade nach Madrid gezogen.
Suchte noch meinen Rhythmus.
Eines Abends lernte ich eine junge Frau aus Kentucky kennen,
die für einen Monat einen Spanischkurs machte.
Wir hatten einen guten Lauf — vier Tage pures Chaos:
feiern, herumstreunen, die Stadt schmecken und einander.
Wir vertrauten uns blind einem viertägigen Exzess an.
In der ersten Nacht kam sie aus der Dusche und kroch unter meine Decke.
Sie sah mich an und sagte:
„Ich bin Jüdin.“
Ich grinste, immun gegen Religion.
„Hey, niemand ist perfekt.“
Sie lachte.
„Macht dir das nichts aus?“, fragte sie.
„Ich meine, mit mir zu vögeln … du als Deutscher. Ich als Jüdin.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein“, und dachte, dieser Moment sei jetzt schon unvergesslich.
Und dann ihre nächsten Worte …
Diese nächsten Worte, in diesem breiten Südstaatensingsang:
„Darlin’, du darfst jedes Loch nehmen, das du willst.“
Großartig.
Aber in den folgenden Nächten ging es nicht um all ihre Löcher.
Es ging um diese leidenschaftliche Nähe, die zwischen uns entstand,
ohne dass wir uns wirklich kannten.
Gott, ich hoffe, mein Sohn liest das irgendwann.
Wenn du wissen willst, wann neue Seiten auftauchen, klick unten.
Keine Plattformen. Kein Tracking. Nur ich.
Planeten
Wir waren auf Koh Samui in Thailand.
Ein ganz normaler Wochentag — Sam schlief, erledigt von Schule und Muay Thai,
seine Mutter las neben ihm, die Welt zusammengefaltet und still.
Und ich beschloss — völlig grundlos —, mich in eine andere Umlaufbahn zu schießen.
Kopfhörer auf. Billiger Wein.
Ein bisschen Gras, dem ich nicht wirklich gewachsen war.
Winzige Züge, um den Rest meines Verstands zu bewachen.
Ich tanzte durchs Wohnzimmer,
das auf der anderen Seite des Rasens gegenüber unserem Schlafzimmer lag —
und als die Flasche leer war,
dachte ich: Na gut, das Universum will wohl, dass ich Nachschub hole.
Also schwebte ich zum Mini Mart.
Im Kopf Malva Velas „Chavela“.
Kein Plan, keine Eile.
Drinnen stand
diese Frau hinter der Theke,
schön auf eine Art, die nichts mit Begehren zu tun hatte.
Ich hörte nicht mal meine eigenen Schritte.
Nur die Musik.
Ich bewegte mich auf sie zu,
einen Sixpack in der Hand,
und auch sie begann sich zu wiegen.
Für einen Moment trafen sich unsere Blicke —
und es war kein Flirt.
Es war reine Energie,
wie zwei winzige Planeten, die aneinander vorbeiziehen
in der Unendlichkeit unseres Lebens.
Fast heilig.
Ich bezahlte.
Verbeugte mich mit beiden Händen an der Brust.
Und tanzte wieder hinaus in die Nacht.
War vielleicht einer der sexiesten Momente meines Lebens.
Und ich war einfach zu stoned, um es zu verstehen …
Wie man eine Pussy leckt und danach vielleicht noch Auberginen grillt
Die meisten Männer haben keine Ahnung, wie ähnlich wir uns unter der Oberfläche sind. Und hier ist etwas, das die Hälfte der männlichen Bevölkerung beruhigen dürfte: Das weibliche Geschlechtsorgan ist im Grunde die nach innen verlegte Version eurer eigenen Ausrüstung. Derselbe embryonale Anfang, dieselbe biologische Entstehungsgeschichte - nur nach innen verstaut, verfeinert und mit mehr Geheimnis und besserer Technik ausgestattet. Die Klitoris, der kleine Mann im Boot? Stellt sie euch als die „äußere Spitze“ von etwas viel Größerem vor, das ihr nie zu sehen bekommt. Ein verborgenes Universum mit eigenem Gravitationsfeld.
Und hier ist der Teil, den Männer immer unnötig kompliziert machen:
Die Grundprinzipien der Lust sind zwischen den Geschlechtern keine fremden Welten.
Was du magst - Druck, Rhythmus, Aufmerksamkeit, Wärme, Beständigkeit -, rate mal?
Mag sie auch.
Nicht auf dieselbe Weise, nicht mit derselben Intensität, nicht im selben Winkel - aber die Idee dahinter kennst du. Das ist keine Raketenwissenschaft und auch keine hochtrabende Performancekunst. Es ist Biologie, eingewickelt in Gefühl.
Wo Männer es regelmäßig vermasseln: Sie glauben, Geschwindigkeit sei Begeisterung und Kraft sei Leidenschaft. Währenddessen sitzt der weibliche Körper da und wartet auf etwas viel Einfacheres:
Zeit, Wahrnehmung, Sanftheit und jemanden, der tatsächlich aufpasst, statt Selbstbewusstsein wie einen schlecht geprobten Monolog vorzutragen.
Langsam heißt nicht schwach.
Etwas Unterdruck erhöht die Intensität.
Es heißt, du hast verstanden, dass Intimität mehr Jazz als Techno ist - sie braucht Platz zwischen den Tönen.
Wie auch immer, reden wir über gegrillte Auberginen.
Leg die fingerdicken Scheiben auf ein Tuch.
Salzflocken drüber.
Dann geh für eine halbe Stunde weg.
Keine Eile.
Das Salz zieht das Wasser heraus - ein kleiner Akt der Geduld, damit die Aubergine später kein nasser Schwamm wird.
Wenn die Scheiben ihre Tränen vergossen haben, wisch sie ab.
Schäl sie, wenn du Lust hast.
Hier gibt es keine Regeln.
Manche mögen die angekohlte Haut, andere nicht.
Heiz den Grill richtig auf - bis Öl auf Metall dieses gleichmäßige, selbstsichere Zischen von sich gibt.
Dann die Mischung aus Knoblauch, getrocknetem Estragon und Kubebenpfeffer auf die Scheiben.
Leg sie drauf.
Hör auf das erste Zischen.
Lass die Finger davon.
Nach ein paar Minuten die Oberseiten noch einmal einpinseln und wenden.
Fünf Minuten später sollten sie zart sein, mit Grillspuren und ein bisschen Rauch.
Sie sollten nach Sommer riechen und Holzrauch und nach einer Küche, in der jemand gekocht hat, der dich wirklich mag.
Servier sie, wie sie sind -
wie du bist.

verstanden
Abschied von dem, der vielleicht mein bester Freund überhaupt geworden wäre.Jan G.Ich schreibe seinen vollen Namen nicht aus.
Aus Respekt vor seiner Familie.
Obwohl ich ihn an manchen Tagen immer noch laut sage, nur um ihn noch einmal zu hören.
Er war wunderschön.
Und unfertig.
Wir waren in der Schule drei Jahre lang befreundet, Teil einer kleinen Gruppe, die ohne jede Ironie daran glaubte, gemeinsam durchs Leben zu gehen. Wir zweifelten nicht daran. Es war einfach klar. Das Schicksal hatte, wie sich herausstellte, andere Pläne.
Er ging nach London.
Ich nach Boston.
Wir telefonierten über Zeitzonen hinweg, meistens in dem seltenen Moment, in dem der andere gerade nicht betrunken war. Zwei Kontinente, zwei Leben, die sich parallel entfalteten. Trotzdem fühlte ich ihn immer in meiner Nähe. Als stünde irgendwo zwischen uns ein Fenster offen, durch das die Luft hin und her konnte.
Eines Oktobers kam er mich besuchen, zusammen mit Daniel, einem anderen Freund aus diesen Jahren. Ich sagte ihnen, sie sollten dunkle Anzüge und weiße Hemden mitbringen. Das klang für uns alle absurd. Wir kannten uns nur in Kapuzenpullis.
Damals organisierte ich private Partys. Solche, bei denen schon die Einladung ein Geheimnis war. Mein haitianischer Geschäftspartner und ich bewegten uns mit einer Freiheit durch Bostons Nachtleben, die damals grenzenlos schien. Carte blanche. Türen gingen auf, bevor wir sie berührten.
Diese Woche schien endlos, auf die beste Art.
Frühstück auf Dachterrassen.
Lange Spaziergänge mit meinem Hund auf dem Ponkapoag Trail.
Abendessen in Jazzbars und billigen Diners.
Nächte, die vergaßen aufzuhören und sanft in den Morgen hinübertrieben.
Wenn es bei mir weiterging, hatten wir dieses Gras von früher, das deine Seele ohne jeden Grund lächeln lässt. Etwas Koks. Ein paar Bier. Vor allem Geschichten. Endlose Geschichten. Die Sorte, die man nur erzählt, wenn man glaubt, es wäre noch jede Menge Zeit.
Jan hatte immer eine schöne Frau auf dem Schoß, sie waren damals meine Familie.
Er hat nie begriffen, was er bei anderen auslöste. Sein offenes Lächeln. Wie seine Augen größer wurden, wenn er sprach. Intelligent, ein bisschen tollpatschig, zutiefst allergisch gegen das Alleinsein. Ein Mann wie ein Welpe, der alles auf einmal wollte. Vielleicht, weil ein Teil von ihm schon wusste, dass nicht viel Zeit bleiben würde.
Zwei Wochen nach ihrer Abreise rief Daniel an.
„Ich habe eine schlechte Nachricht“, sagte er.
Ich wusste es, bevor er den Satz zu Ende gebracht hatte.
Jan war bei einem Motorradunfall in Sevilla gestorben.
Der Schock vergeht.
Was bleibt, sind die Hinterhalte.
Momente, in denen eine Erinnerung dir durch die Brust schneidet und du begreifst, dass das Leben, genau jetzt, einfach besser wäre, wenn er noch hier wäre.
An diesem ersten Abend hielt ich es in meiner Wohnung nicht aus. Ich ging stattdessen in meine Lieblingsbar. Es hatte sich herumgesprochen. Einer nach dem anderen kamen Menschen herein, die ihn in dieser einen Woche kennengelernt hatten, suchten nach mir und sprachen mir ihr Beileid aus.
Es fühlte sich an wie eine Beerdigung, zusammengetragen von Fremden.
Noch heute vergeht keine Woche, in der ich nicht an ihn denke.
Den wunderschönen, unfertigen Mann.
Der irgendwo in mir immer noch dieses Fenster öffnet und die Luft hereinlässt.
Manche Menschen gehen nie ganz.Wer leistet dir noch immer Gesellschaft?
Die zwei Prinzen
Da ist ein Bild.
Es kommt immer wieder.
Dasselbe Bild, so einfach, dass es wehtut.
Der kleine Prinz, auf seinem kleinen Planeten, mit dem Rücken zu mir, den Blick auf den Horizont gerichtet.
Und neben ihm, auf einem anderen Planeten, steht sein Spiegelbild.
Noch ein Prinz. Derselbe kleine Planet. Dieselbe Stille. Dieselbe Traurigkeit.
Sie halten einander die Hand, über den Raum zwischen ihnen hinweg,
wie zwei Hälften eines einzigen Gedankens, der sich an sich selbst erinnern will.
Es erscheint nur, wenn ich still bin.
Wenn der Lärm aufhört.
Wenn das Getue — „als hätte ich auch nur die leiseste fucking Ahnung, was ich hier mache“ — endlich aufgibt.
Dann ist es wieder da, schwebt zwischen Welten,
eine alte Wahrheit, die nach Hause finden will.
Der eine bin ich, bevor die Welt zu zählen anfing.
Das ist das ewige Kind — das immer noch Welten aus dem Nichts baut,
das glaubt, unmöglich sei keine Kategorie, sondern eine Ausrede.
Es ist wild, neugierig, unangenehm ehrlich.
Sein Staunen ist nicht einstudiert.
Es ist der Teil von mir, den das Erwachsensein ständig für eine Schwäche hält.
Der andere — der ältere Ich —,
das ist der, der Mauern gebaut hat, um den Wind draußen zu halten.
Der seine Familie liebt,
Sachen repariert, Rechnungen bezahlt, allen antwortet
und sich manchmal dabei ertappt, auf den Boden zu starren statt zu den Sternen.
Er trägt alle anderen so gut,
dass er manchmal vergisst, den Jungen in sich zu tragen.
Beide haben recht.
Beide liegen falsch.
Und vielleicht geht es bei dem ganzen verdammten Ding darum, zu lernen,
sich selbst die Hand zu halten, über die Welten hinweg,
die man gebaut hat — zwischen dem, der man war, und dem, der man geworden ist.

"Hey, ich will dir etwas sagen."
Da ist noch eine Erfahrung, die mich für immer begleiten wird.
Es war kein Traum.
Ich hörte es einfach.
Meine eigene Stimme, von irgendwo tiefer als die Gedanken.
Sie sagte:
„Hey, ich will dir etwas sagen.“
Das war alles, danach nur Stille.
Alles hielt an. Ich hielt an. Ich stand irgendwo auf meinem Grundstück und drehte mich um, in der Hoffnung, jemanden zu sehen.
Meine Wirklichkeit schien Luft zu holen und zu warten.
Ich selbst hatte mich angesprochen.
Es berührte mich, ich setzte mich an einen Olivenbaum, lehnte mich an und starrte in die Ferne.
Gibt es einen Teil von mir, der darauf wartet, mit mir zu sprechen? Warum jetzt? Vielleicht wartete er schon seit Jahren, und jetzt war ich endlich so erschöpft von dem Lärm, von der Langeweile um mich herum, dass ich lange genug die Klappe halten konnte, um ihn zu hören.
Ich kann von diesem Bild nicht genug bekommen: Mein Geist spricht mit mir!
„Hey, ich will dir etwas sagen.“
Ich werde für diesen Moment immer dankbar sein.
Nicht für das, was die Stimme sagte.
Sondern weil etwas in mir wieder in Bewegung kam.
Langsam.
Ich begann, Dinge infrage zu stellen, die ich längst hingenommen hatte.
Zu lockern, was festgefügt schien.
Ideen zu folgen, die nicht um Erlaubnis baten.
Ein Jahr später sah unser Leben ganz anders aus.
Wir waren unterwegs.
Trafen Entscheidungen, die nicht für alle anderen Sinn ergaben.
Ordneten Dinge neu, die wir für unveränderlich gehalten hatten.
Weniger vorsichtig.
Ehrlicher.
Als wäre diese Stimme irgendwo im Hintergrund geblieben …
und wartete darauf, dass ich weiter zuhöre.
Mein Sohn geht zur Schule, meine Frau findet ihren eigenen Rhythmus, und mir bleibt der Teil von mir, der nur in neuen Welten aufwacht. Der Teil, der durch Schwüle und Lärm streift und versucht, einen Ort zu verstehen, ohne so zu tun, als gehörte er dazu. Ich bin hier, um das Essen zu probieren, Fremden zuzuhören, Fehler zu machen und herauszufinden, warum dieser Ort mich stärker trifft als erwartet.
Also, komm mit, wenn du magst …
„das Schöner-Ort-Phänomen“
Das Seltsame am Ankommen in Orten wie Uvita ist fast immer dasselbe — die ersten Menschen, denen du begegnest, sind nie die, wegen denen du gekommen bist.
Es sind die, die irgendwo anders weggelaufen sind und ihr altes Leben immer noch wie abgewetztes Gepäck hinter sich herziehen.
Jeder hier hat eine Geschichte darüber, warum er die Staaten, Österreich, Spanien verlassen hat … und keine dieser Geschichten endet mit Freiheit.
Sie reden endlos über früher zu Hause, meistens über die paar Lichtblicke, und hinter ihren Augen liegt eine Art leise Langeweile.
Und irgendwie versuchen sie trotzdem, dir den Traum von Costa Rica zu verkaufen, während sie übersehen, dass sie selbst nie ganz angekommen sind. Ein weltweites Phänomen — Menschen leben an Orten, an denen ihre Seelen nie gelandet sind.
Und wie reise ich, fragst du vielleicht?
Keine Ahnung, jedenfalls ohne Mission — ich bin hier, und das reicht —
mal sehen, was passiert.

"Sand Dude" am Strand von Uvita
Und wo wir gerade bei Menschen sind, die versuchen, sich zu orten,
oder einander - da ist etwas, das ich an Frauen nie verstanden habe.
Stell dir vor: Du bist kurz vorm Einschlafen, treibst schon weg, alles weich, und plötzlich beschließt deine Frau, heute wäre der Abend für einen überraschenden Gute-Nacht-Blowjob …
Wunderschöne Idee.
Schlechtes Timing - für dich.
Also sagst du ihr behutsam, sie könne sich die Mühe sparen, weil du vor ungefähr einer Stunde irgendwo in der Garage, im Keller, unter der Dusche schon selbst dafür gesorgt hast.
Und dann passiert es.
Dieses Aufblitzen in ihren Augen.
Dieses breite, entzückte Lächeln.
Und ohne eine Sekunde zu zögern die erste Frage:
„Wo?“
Nicht warum.
Nicht wann.
Nicht wie.
Nur wo.
Als verriete der Ort an sich etwas Wesentliches über dich.
Du antwortest mit der sicheren Allerweltsversion:
„Unter der Dusche“,
„als du gelesen hast“,
was auch immer dich aus der Situation rausbringt.
Denn die echten Wichsplätze sind geheim.
Jeder Mann hat sie.
Diese kleinen inoffiziellen Heiligtümer, an denen er für zwei Minuten unsichtbar wird.
Sie braucht davon keine Landkarte.
Niemand braucht die.
Warum sind sie also so besessen von diesem Wo?
Manchmal fühlt es sich an, als suchten sie den einen Ort im Haus, an dem dein Kopf sich für einen Moment ihrer Reichweite entzogen hat,
diese winzige Lücke, in der du kurz aus der Umlaufbahn gedriftet bist.
Aber das Beste ist nicht die Frage.
Es ist das, was danach passiert.
Du sagst ihr, du seist schon „versorgt“,
schon „ausgeglichen“,
schon „entspannt“,
und statt sich zurückzuziehen,
wird sie von diesem rätselhaften weiblichen Drang besessen, es trotzdem zu tun.
Sie weiß, dass das Timing grauenhaft ist
und die Physiologie gegen sie arbeitet,
und beschließt, es trotzdem zu tun.
Mit noch mehr Entschlossenheit.
Vielleicht holt sie sich die Intimität von diesem anonymen, unbekannten Du zurück, das sich vorhin davongeschlichen hat.
Diese Geschöpfe, die darauf bestehen, dich deiner eigenen Hand wieder abzunehmen,
die deinen gerade erst erlebten Orgasmus als Herausforderung betrachten,
nicht als Hindernis.
Sie sind vollkommen rätselhaft.
Und das ist besser so,
denn wenn Männer Frauen je ganz verstehen würden,
wäre die Hälfte der Magie auf einen Schlag weg.
Eine Fischsuppe, die nie gekocht wurde
Vor ein paar Jahren flüchteten wir für einen kurzen Familienurlaub nach Menorca,
eine Stunde von zu Hause entfernt und irgendwie doch eine andere Welt.
Für unseren Sohn war an dem Abend gesorgt,
also schlichen meine Frau und ich uns zu einem dieser seltenen, ruhigen Abendessen davon.
Irgendwo in den alten Gassen von Mahón fanden wir ein kleines Restaurant.
Einer dieser Läden, in denen dir der Besitzer und Koch ungefragt seine Lebensgeschichte erzählt.
Aber in seinem Strom überflüssiger Einzelheiten erwähnte er ein Gericht, das hängen blieb:
eine Fischsuppe von den Bermudas,
mit dunklem Rum.
Rum.
In einem Nationalgericht.
Er schwor, es sei unverwechselbar - die Tiefe, die Schärfe, die Süße,
alles getragen vom Meer.
Und verdammt, er hatte recht.
Ich war nie ein Rummensch gewesen,
aber zu Hause kaufte ich eine Flasche.
Dann noch eine.
Und noch eine.
Auf Eis, mit einer Scheibe Limette.
Einfach.
Gefährlich gut.
Das Rezept für die Suppe ist fast nichts -
frischer Fisch (bei uns kein Problem),
ein paar Tomaten,
Brühe,
Zwiebeln,
Knoblauch,
Gewürze
und dieser Schuss dunkler Rum, der das Ganze zur Erinnerung macht.
Seit Jahren habe ich alles, was ich dafür brauche.
Das Meer.
Die Zutaten.
Sogar die Zeit.
Aber irgendwie verschwinden die Flaschen immer in Gläsern,
nie im Topf.
Und vielleicht ist das die Geschichte -
dass ein Gericht manchmal als Möglichkeit besser bleibt,
als Versprechen,
als Zukunft, die wir nie wirklich kochen,
weil die Gegenwart vorher den Rum klaut.

APE SHIT AND DAISY SUCKS
165 x 210 cm
Ein Geständnis
Ich muss etwas zugeben.
Als ich anfing, das hier zu schreiben,
stellte ich mir als Publikum einen Stein vor.
Still. Beständig. Regungslos.
Ein Zuhörer ohne Meinungen,
ohne Rückmeldung,
ohne die Fähigkeit, auch nur ein Wort misszuverstehen.
Es funktionierte,
bis tatsächlich jemand diesen Text fand.
Sobald ein Augenpaar auf diese Zeilen trifft,
verändert sich das Schreiben.
Nicht absichtlich.
Ganz von selbst.
Ich kann die Menschen nicht mehr ausschließen.
Ich bin ein Mensch.
Ich schreibe über menschliche Dinge.
Und sobald du über Menschen schreibst,
stellst du dir ihre Reaktionen vor.
Das Nicken.
Das Unbehagen.
Das Lachen.
Das Urteil.
Das ist okay.
Das gehört dazu.
Was mich stört, ist Folgendes:
Damit diese Worte überhaupt gelesen werden,
müssen sie durch die sozialen Medien.
Und das bedeutet: ein Gerät in deiner Hand.
Dasselbe Gerät, das Aufmerksamkeit frisst,
Gegenwart,
Schlaf.
Es ist ironisch.
Ein bisschen peinlich.
Die reinste Form der fuckness.
Ich hatte gehofft, jemand würde still mit diesen Zeilen dasitzen.
Auf die menschliche Art.
Auf die Buch-in-den-Händen-Art.
Stattdessen schicke ich Geflüster
in dieselbe Maschinerie,
die das Zuhören so schwer macht.
Dieser Text lebt.
Ich ergänze ihn, wenn es sich richtig anfühlt.
Er soll atmen, nicht auftreten.
Aber im Moment
lebt er auf einem Bildschirm.
Das ist der Fuckup.
Nicht das Schreiben.
Nicht das Teilen.
Nur das Medium.
Vielleicht wird daraus eines Tages ein richtiges Buch.
Etwas, auf das man kleckern kann,
das man knicken,
verlieren
und Jahre später wiederfinden kann,
als ein anderer Mensch.
Vorerst
lebt es hier.
Eine Schriftrolle, gefangen in der Maschine,
die ich zu unfucken versuche.
Lippen auf Lippen
Es war einer dieser egal-was-wird-Abende in Boston.
Mein haitianischer Kumpel von damals und ich zogen mit einer Gruppe Frauen durch die Stadt, die es mit dem Leben wesentlich ernster meinten als die Leute, bei denen wir sonst landeten. Sie hatten richtige Einkommen und richtige Zukunftspläne, während wir uns für Aufreißer hielten, dem Spaß hinterherjagten, einen Nachtclub betrieben und so taten, als würde das reichen.
Wir landeten im West Street Grill. Das ist Jahrzehnte her.
Wir bestellten gerade Getränke, als ein lauter Schrei die Musik durchschnitt.
Jan, genau was ich brauche.
Und bevor die Worte überhaupt bei mir ankamen, hing sie schon an mir.
Arme um meinen Hals, Beine um meine Hüften, ihre Lippen fest auf meinen.
Wir hatten uns ein paar Wochen zuvor kennengelernt, zwei einsame Wesen, die versuchten, durch einen weiteren glänzenden Samstagabend zu kommen.
Wir verbrachten die ganze Nacht in meiner Wohnung, redeten, bis kaum noch Geheimnisse übrig waren, gedämpftes Licht, und sanken uns dann in die Arme, wie müde Menschen es tun, wenn sie mit tröstlicher Nähe den Kopf zum Schweigen bringen wollen.
Wir schliefen ineinander verschlungen, zwei lose Enden, die den Lärm in ihren Köpfen beruhigen wollten.
Aber an diesem Abend, als sie mich vor allen ansprang, trug ich sie rückwärts zur Wand, drückte sie dagegen und schob ihre Arme weit nach oben, wie bei einer improvisierten Kreuzigung.
Für die gut verdienenden Frauen, die uns zusahen, muss das leidenschaftlich oder sogar beeindruckend ausgesehen haben.
Die Wahrheit war einfacher.
Ich war damals ein Leichtgewicht und brauchte die Wand, damit der Moment nicht damit endete, dass ich sie fallen ließ oder mir das Kreuz brach.
Wir schlüpften durch den Hinterausgang und liefen über den Boston Common.
Wir küssten, griffen und hielten fest, was auch immer in dieser Nacht Sinn ergeben wollte.
Der fünfminütige Weg zu meiner Wohnung dehnte sich zu einer kleinen Ewigkeit und dauerte trotzdem nicht lang genug.
Ein paar Tage später traf ich meinen Freund irgendwo in Back Bay wieder.
Er bat mich, mitzukommen und Jessica oder Monica zu besuchen, jemanden, den ich seiner festen Überzeugung nach kannte.
Wir gingen in ihren Friseurladen, und erst da begriff ich, dass ich ihren richtigen Namen nie mitbekommen hatte.
Aber da war sie, diesmal ohne gedämpftes Licht.
Und ich konnte nicht glauben, wie schön sie war.
Sie sah mich, kam durch den Raum und küsste mich.
Beherrscht.
Freundlich.
Leicht, aber irgendwie ungeheuer präzise.
Für mich war es das ausgewogenste, aufmerksamste, gekonnteste Zusammenspiel zweier Lippenpaare in der gesamten Geschichte des Universums.
Darin lag all das Vertrauen, nachdem wir so viele Geheimnisse geteilt hatten.
All die Sicherheit nach der gemeinsamen Intimität.
Und eine charmante Verspieltheit, weil wir wussten, dass wir beide mit unseren eigenen Leben zufrieden waren.
Und ich war bloß der dankbare Empfänger, ohne irgendetwas getan zu haben, um einen so vollkommenen Moment zu verdienen.
Die Frage ist: Wo sind all diese Küsse hin?
Mit fünfzig-fucking-eins küsst irgendwie niemand mehr besonders viel, mich eingeschlossen. Irgendwo weiter oben in dieser Schriftrolle habe ich etwas gesagt wie „Früher habe ich alles gefühlt“, und das ist alles weg.
Irgendwann zwischen Pubertät und Ende zwanzig hätte ich wochenlang von Küssen und gelegentlichem Druckablassen leben können, aber die Küsse waren die Hauptsache. Der Weg zur reinen Freude. Das Tor zu dieser einzigartigen Verbindung mit irgendeiner Gisela oder Rachel, die du bei einem blöden Witz im Feinkostladen kennengelernt hast.
Heute ist alles Baci, Besos, Schmatzer, Bussis und natürlich die unbezahlbaren Küsse deiner Kinder.
Damit kann ich nicht allein sein. Es fühlt sich weltweit an.
Wo ist die ganze Verspieltheit hin?
Wenn man jung ist, macht das Leben einem so viele Versprechen …
Eine persönliche Belohnung
Eine der besten Belohnungen nach dem Schreiben, bei einem Glas Wein oder dreien, ist für mich dieser Moment, wenn ich aufhöre, lese, was dabei herausgekommen ist, und die Kopfhörer voll aufdrehe.
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Dieses Lied nimmt mich an die Hand, auf dem Weg zum Kühlschrank für noch ein Glas, und plötzlich bewege ich mich dazu. Ganz langsam, als müsste ich all die Energie behüten. Diese Mischung aus dem Schreiben aus meiner Seele, dem Wein, der jede Ecke erreicht, die er nicht berühren sollte, und diesen langsamen Beats - davon sollte ich meinem Sohn nie erzählen -, während ich hoffe, dass er seine eigene Mischung für solche Momente findet.
The Mid-Americana … was auch immer
Was ich eigentlich die „Mid-Americana Jazz“-Kapitel nennen wollte, scheint sich in „Mein Costa-Rica-Reset“ zu verwandeln.
Ich lass es wohl einfach fließen …
Zu Hause grille ich ein teures Stück Fisch
auf einem sehr teuren, gasbetriebenen Männertraum von einer Edelstahl-Außenküche.
Hier, irgendwo zwischen Pazifik und Dschungel,
werfe ich ein Stück frischen Fisch mit etwas Knoblauch
auf eine Grillplatte, die auf eine alte Autofelge geschweißt wurde,
zwei Handvoll glühende Kohle darunter.
Derselbe Fisch (fast).
Dasselbe Feuer.
Eine völlig andere Wahrheit.
Mein Ergebnis - kompletter Neustart.
Einer dieser stillen, gewaltsamen
Was-zum-fuck-mache-ich-hier-Momente.
Wie konnte ich zulassen, dass die Welt mir sagt, wer ich sein will?
Und wer zum fuck bin ich, dass ich versuche, ein Kind zu erziehen?
Das alles wegen eines simplen Stücks Fisch.
Vielleicht geht es beim Reisen genau darum?

Hier ist noch etwas, das keine Ruhe geben will
Ich habe verschiedene Farben auf eine Fläche geworfen und dann nachgezeichnet, was darauf bestand, zum Vorschein zu kommen.
Einigen Formen gab ich Namen, als sie anfingen, Dingen zu ähneln.
Nichts bleibt je gleich.

210 x 140 cm
Gebrochene Herzen - mittwochs und samstags
Natürlich gehen wir zweimal die Woche auf den Bauernmarkt. Wir kaufen lokale Biolebensmittel, etwas Kokosmus, trinken unglaublichen Kaffee aus den Bergen und kommen langsam mit den anderen Einheimischen ins Gespräch, dem Fischhändler, dem Magic-Mushroom-Typen. Das war immer der Plan. Es ist eine sehr alternative Szene, aber damit war zu rechnen.
Ein paar Gestalten bleiben sofort hängen. Fünf, vielleicht sechs Frauen betreten diesen Markt anders. Das Ganze findet unter einem riesigen Blechdach ohne Wände statt, umgeben von Parkplätzen.
Plötzlich sieht man diese großen Gestalten - ja, alle groß - hereinkommen, mit ein bisschen mehr Energie als die anderen. Sie bleiben stehen, küssen, lachen an jedem zweiten Stand laut auf. Hände fahren durch langes, welliges Haar. Eine Schulter frei, ein prächtiges Tattoo. Lange, braune Beine in lockeren Schuhen. Sie schreiten, als würden sie ihr Revier markieren.
Herrlich anzusehen. Fantasien weckend. Göttinnen, die Selbstbewusstsein in die Welt heulen.
Natürlich bin ich so hingerissen, wie ein Ehemann neben seiner Frau nur sein darf, bis ich ihren eigenen hingerissenen Blick bemerke, der jeder göttlichen Bewegung folgt.
Man möchte sie irgendwie kennenlernen. Hören, wo sie sich herumtreiben, wo sie essen, an welchen Strand sie gehen. Aber irgendetwas stimmt nicht.
An den ersten zwei, drei Markttagen habe ich es nicht verstanden.
Dann traf es mich.
Ich saß in meinem eigenen Schweiß nahe am Eingang, einen kalt gebrühten Kaffee vom Vulkanhang in der Hand, und sah drei von ihnen ankommen. Immer allein. Immer dieselbe Energie. Schwingende Ohrringe, ausgestellte Tattoos, wilde Haare, breites Lächeln. Sie steuerten direkt auf ihre Lieblingshändler zu, auf Nachbarn, spirituelle Bekanntschaften.
Laute Begrüßungen. Große Gesten. Hände in der Luft. Ungläubiges Sich-Verbeugen. Lachen, das den Raum füllte, bevor überhaupt jemand etwas gesagt hatte.
Und plötzlich begriff ich.
Was ich für Schönheit gehalten hatte, für Göttlichkeit, für Fantasie, war gar nichts davon. Es war Wiederholung. Ein einstudierter Auftritt. Eine Inszenierung, die kraftvoll wirkte, bis man sie oft genug gesehen hatte, um die Choreografie zu erkennen.
Ein buntes Tuch ins Haar geflochten. Noch mehr klirrende Armbänder. Noch mehr Farbe auf brauner Haut. Keine zusätzliche Tiefe, nur mehr Lautstärke.
Was bei mir blieb, war kein Verlangen mehr. Es war eine leise Traurigkeit.
So viel Schönheit.
So viel Präsenz.
So viel Mühe, gesehen zu werden.
Und doch kamen sie jedes Mal allein herein.
Niemand neben ihnen.
Niemand, der mit ihnen ankam.
Niemand, der blieb.
Und da bekommt Schönheit einen Riss aus Traurigkeit.
shit, fuck, piss - und raus aus meinem Leben …
Es muss Winter gewesen sein. Ich trug meinen langen schwarzen Wollmantel, sehr existenzialistisch. Mein jüngeres Ich nannte sich damals Schriftsteller. Eine einfache Pariser Bar in Saint-Germain. Heizstrahler draußen, mehr Stühle auf dem Bürgersteig als drinnen. Zigaretten, Rotwein, Stimmen, die in die Kälte trieben.
Eine bunte Gruppe ziemlich betrunkener Pariser setzte sich neben mich.
Irgendwann kippte eines der Mädchen ihr halbes Glas über meinen Mantel. Rotwein auf schwarzem Stoff. Halb so wild. Sie entschuldigte sich tausendmal, verschwand an der Bar und kam mit einem neuen Glas Wein für mich zurück. Ich bedankte mich und versicherte ihr noch mal, dass es mir nichts ausmachte. Irgendwo in diesem Moment merkte ich, dass sie ihre Freunde am Nebentisch vergessen hatte. Sie setzte sich zu mir und fing ein richtiges Gespräch an.
Sie erzählte. Sagte, sie sei leicht betrunken, frisch geschieden, habe früher auf der Île Saint-Louis gewohnt. Fragte nach meinem Leben in Paris. Irgendwann rief sie lachend zu ihren Freunden hinüber: Hey, er schreibt - il écrit. Damit fühlte ich mich wahrscheinlich mehr als Autor als durch jede Zeile, die ich je geschrieben hatte.
Ich erinnere mich kaum an ihr Gesicht. Aber an ihren Geruch. Verführerisch. Und jede ihrer Bewegungen auf mich zu fühlte sich wie ein kleines Fest an.
Nicht viel später wollten ihre Freunde gehen. Sie weigerte sich, den Abend zu beenden, und überredete mich und einen von ihnen, einen Mann in meinem Alter, zu ihr nach Hause auf noch mehr Wein mitzukommen.
Wir gingen zu ihrem winzigen Auto. Sie hüpfte hinters Steuer und fuhr direkt falsch herum in eine Einbahnstraße, wobei sie rief, wie viel Zeit wir so sparen würden. Nicht meine Art von Abenteuer. Sogar ihr Freund erwähnte das Betrunkensein und la police. Sie war schon an der nächsten Kreuzung, tat es mit einem schlichten Voilà ab und parkte buchstäblich direkt vor ihrem Haus.
Ihre Wohnung bestand aus einem kleinen Zimmer. Ich erinnere mich an keine Küche, nur an einen Kühlschrank. Ein Sofa, auf dem wir alle saßen. Ein Bad, als hätte jemand Dusche, Toilette und Waschbecken übereinandergeworfen.
Ihr Freund versuchte, mich davon zu überzeugen, dass er Gynäkologe sei. Wir tranken Wein. Paris sei nicht einfach, sagte er, aber sie sei immer gut zu ihm gewesen.
Irgendwann saß unsere weinverschüttende, geschiedene Gastgeberin auf meinem Schoß, mir zugewandt, und sagte ihrem Freund ganz ruhig, er solle gehen. Er lächelte mich an, sagte: Du bist in der Höhle einer Löwin, und verschwand.
Sie zog sich den Pullover über den Kopf, nahm den BH ab, und das Reden war vorbei.
Wir arrangierten irgendetwas mit dem Sofa, zogen einen Futon auf den Boden. An den Rest erinnere ich mich kaum.
Was blieb, war das Aufwachen am nächsten Morgen. Sie sprang vom Futon und fing an zu schreien: shit, fuck, piss, ich hab verschlafen. Immer wieder.
Sie hüpfte durchs Zimmer, putzte sich die Zähne, suchte Klamotten, schminkte sich. Alles nackt. Die Wohnung war so klein, dass sie ständig über meinen Kopf stieg, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Sagte, ich könne liegen bleiben und später gehen. Shit, fuck, piss, wo ist mein Schlüssel. Shit, fuck, piss, ich glaub das nicht. Wieder stieg sie vollkommen nackt über meinen Kopf, während ich auf dem Rücken lag und die Aussicht genoss und jeden französischen Akzent, der aus ihrem Mund purzelte.
Als sie weg war, schlief ich weiter.
Auf dem Heimweg wurde mir klar, dass nicht die Nacht bei mir geblieben war. Sondern sie.
Astrid.
Mehr ließ das Leben nicht zu.
Wenn du bis hierher gelesen hast, ist in deinem Kopf wahrscheinlich irgendein Bild von mir entstanden.
Ich möchte es ergänzen und etwas Einfaches gestehen: Ich habe ein geradezu bescheuertes Verhältnis zu Geld.
Wenn es gut läuft und meine Taschen sich schwerer anfühlen als sonst, buche ich drei Flüge nach Paris, Barcelona oder Lissabon, dazu ein sehr ordentliches Hotel, und los geht’s. Drei oder vier Nächte herumstreunen, schauen, schmecken, Menschen treffen, sich austauschen, an allem riechen, was unseren Kopf verzaubern könnte.
Wir kommen mit leereren Taschen zurück.
Aber die Erlebnisse tauchen immer wieder auf. In einem Lächeln. In stillen Momenten. In einem Blick, den ich manchmal bei meinem Sohn auffange, wenn er von der portugiesischen Küste erzählt.
In den letzten Jahren sind unsere Reisen größer und mutiger geworden. Monate in Thailand, auf Bali und in Vietnam. Jetzt ein Vierteljahr Costa Rica. Wir kommen ohne Plan. Wir bleiben lange genug, um nicht mehr interessant zu sein. Lange genug, dass man uns ein kleines bisschen vermisst, wenn wir gehen.
In schlaflosen Nächten rede ich mir auf lächerliche Weise ein, mir keine Sorgen zu machen, dass wir mehr oder weniger pleite nach Hause kommen, und halte mich an der stillen Gewissheit fest, dass sich Taschen irgendwie wieder füllen lassen.
Zum Glück wiegt dieser Kreislauf aus Geldverdienen für die nächsten Reisen weniger schwer als das, was die Begegnungen mit neuen Nachbarn uns schenken - an Orten, die wir nie für vertraut gehalten hätten.
Noch etwas...
Ich habe versucht, hier nicht darüber zu schreiben.
Nicht, weil es umstritten ist.
Sondern weil es persönlich ist.
„Ich hatte nicht vor, die Schule infrage zu stellen.
Das Leben hat es für mich getan.“
Hier in Ligurien ist das nichts verwerfliches.
Es ist nicht rebellisch.
Es ist legal.
Italien erlaubt Homeschooling.
Wir sind nicht verschwunden.
Wir haben uns einfach entschieden, anders da zu sein.
Wenn man durch kleine Dörfer in Asien oder Mittelamerika reist, weit weg vom Ehrgeiz der Metropolen, gibt es dort natürlich auch Schulen.
Aber sie fühlen sich anders an.
Man sieht Kinder rennen.
Offene Klassenzimmer unter einem zusammengeschweißten Dach.
Laut. Lebendig.
Man sieht Lehrer, die nicht nur beaufsichtigen.
Sie rennen.
Sie lachen.
Sie spielen mit.
Das Lernen ist dort noch nicht vom Menschsein getrennt worden.
Irgendwann haben wir beschlossen, Ernsthaftigkeit sei Vorbereitung aufs Leben.
Und Freude wurde verdächtig.
„Wir haben unseren Sohn nicht aus einem System herausgeholt.
Wir haben es einfach ins Leben hineingeholt.“
Ceviche
Nach so vielen Offenbarungen
und ein paar Eimern Ehrlichkeit
hier noch eine:
Ich liebe es zu kochen und gut zu essen.
Gute Zutaten zu finden.
Wochenmärkte, Bäckereien, Metzger.
Weine, Öle, Fischstände, gute Restaurants.
Vor allem selbstgekochtes Soulfood,
das zur Erinnerung wird.
All das macht mich nicht bloß satt.
Es weckt mich auf.
Wir sind jetzt seit ungefähr zwei Monaten in Costa Rica.
Ich habe mehr Ceviche gegessen, als ich zählen kann.
Und jede einzelne sprach eine andere Sprache.
Dasselbe Land.
Ähnliche Zutaten.
Völlig andere Wahrheiten.
Frischer Fisch. Corvina, Snapper, Mahi-Mahi.
Limettensaft. Rote Zwiebel.
Süße Paprika. Chili. Koriander.
Du kannst sie endlos miteinander mischen.
Es wird nie zweimal dasselbe Gericht.
Denn es geht nicht um Zutaten.
Es geht um Balance.
Und Balance bedeutet nie für alle dasselbe.
Finde deine, und du bekommst etwas ganz anderes.
Leben, kühl serviert.
Frisch. Tief. Würzig.
Und es erinnert dich leise daran,
wie großartig es eigentlich ist.

BONES & DOGS
Ein 3er-BMW-Kombi ohne Beifahrersitz.
Weihnachten in Deutschland hinter uns, Madrid vor uns und dazwischen ein Zwischenstopp im Ferienhaus meiner Familie in Ligurien.
Wir drei.
K.
Mein Hund Luke.
Und ich.
Nach einem gigantischen Abendessen. Und mit gigantisch meine ich gigantisch.
Ich sehe sie heute noch vor mir, wie sie die Finger direkt über der Schüssel mit der Meeresfrüchtesuppe ableckte und dazu skandalöse Mengen Wein trank.
Wir haben an diesem Abend nicht gegessen.
Wir haben gefressen.
Laut. Glücklich. Und ohne die geringste Absicht, uns irgendwie anständig zu benehmen.
Zurück in der Villa machten wir ohne Hund, aber durchaus nach Hundeart, miteinander weiter.
Irgendwann mittendrin drehte sie beiläufig den Kopf und sagte, Luke würde vorne am Haus wie verrückt bellen.
Ob ich vielleicht mal nachsehen könnte.
Mein damaliger Zustand erlaubte es mir, meinem Schwanz den Flur hinunter ins Wohnzimmer zu folgen.
Keine Hose.
Kein Zögern.
Vollstes Vertrauen in meine bisherigen Lebensentscheidungen.
Die Haustür stand offen.
Luke konnte Türen öffnen.
Keine abgeschlossenen.
Aber immerhin.
Draußen lag mein Portemonnaie. Die Kreditkarten darum verteilt wie nach einem ziemlich beschissenen Pokerabend.
Ich war viel zu betrunken und gedanklich mit völlig anderen Dingen beschäftigt, um die Situation zu verstehen oder auch nur auf die Idee zu kommen, dass Panik vielleicht angebracht gewesen wäre.
Also sammelte ich alles ein und stand da.
Nackt.
Portemonnaie in der Hand.
Vor mir die schwarze Nacht und ein ziemlich nervöser Hund.
Und dann hatte ich eine Idee.
Ich wackelte mit den Oberschenkeln, bis mein Schwanz mit diesem herrlich bescheuerten Klatschgeräusch dagegen schlug.
Vielleicht wollte ich damit verscheuchen, wer auch immer da draußen war.
Vielleicht wollte ich Dominanz demonstrieren.
Vielleicht hatten Wein und seine Freunde inzwischen einfach die komplette Geschäftsführung übernommen.
Jedenfalls fühlte ich mich ausgesprochen männlich.
Und ziemlich stolz.
Dann musste ich über mich selbst lachen und ging wieder rein, um zu Ende zu bringen, was ganz offensichtlich zu Ende gebracht werden wollte.
Am nächsten Morgen waren wir erneut auf allen Vieren unterwegs, als unser lieber Haushüter Mario ums Haus lief und meinen Namen rief.
Und plötzlich klebte sein Gesicht am Fliegengitter unseres Schlafzimmerfensters.
Wir hielten beide inne.
Aber nicht wirklich unsere Stellung.
Er konnte ohnehin nichts erkennen.
Also machten wir weiter.
Kaum waren wir fertig, hörten wir Stiefel im Flur.
Ich warf mir den rosa Bademantel meiner Mutter über. K verschwand unter der Bettdecke.
Dann marschierten Mario und unser Nachbar Salvatore ins Schlafzimmer. Einer von ihnen mit einem Gewehr über der Schulter.
Viel Madonna.
Viel Dio.
Und irgendetwas mit ladri.
Ich sprach damals noch kein Italienisch.
Aber Drama verstand ich.
Das war uns dann doch ein bisschen zu viel unerwünschte Aufregung.
Also packten wir einigermaßen verwirrt unsere Sachen und fuhren weiter nach Spanien.
Was in dieser Nacht tatsächlich passiert war, weiß bis heute niemand so genau.
Aber wer auch immer ins Haus gekommen war, hatte nicht nur Bekanntschaft mit meinem Husky-Wolf-Labrador-Mischling gemacht.
Beim Versuch, über das Tor zu klettern, müssen sie sich verletzt haben. Das Ding war umgefallen.
Sehr wahrscheinlich auf sie drauf.
Manche Nächte gehören der Vernunft.
Andere deinem Schwanz.
Und manche ganz allein den Hunden.

Uvita, Costa Rica
Also, hier noch eine Episode für die Marktgöttinnen.
Samstagmorgen. Ich sitze wieder auf diesen tribünenartigen Bänken. Schwitze. Beobachte. Nicke den vertrauten Man-sieht-sich-Gesichtern zu. Halte meinen Latcha-Matcha-Cold-Regular-Was-auch-immer, als hätte das etwas zu bedeuten.
Dann kommt eine der bekannten Göttinnen herein.
Ein bisschen in Eile. Langes schwarzes Haar in Bewegung. Dieses bewusstseinserweiternde Lächeln auf irgendjemanden irgendwo gerichtet.
Meine Frau steht einen Meter entfernt und redet mit jemandem. Vom Universum vollkommen unbehelligt.
Die Göttin erreicht meine Reihe, sieht mir einen halben Herzschlag lang in die Augen und stellt ihre Handtasche direkt neben mein Bein. Der Stoff berührt meine Haut.
Kein Wort. Kein Innehalten. Ein paar Sekunden.
Sie dreht sich um und verschwindet im Markt.
Das ist keine Softporno-Fantasie. Es ist passiert. Und was mich nachts wach hält, ist die Verspieltheit daran. Die versteckte Botschaft. Die stumme Prophezeiung.
Diese entschlossene, mühelose Demonstration weiblicher Macht.
In diesem Blick sagte sie: Du siehst mich. Ich sehe dich. Pass darauf auf. Dir wird vertraut.
Diese Tasche wurde augenblicklich zum sichersten Gegenstand in der gesamten Markthalle. Nicht, weil ich das beschlossen hätte, sondern weil etwas in mir ernannt worden war. Ein Mann kann auf weniger als einer Sekunde Blickkontakt eine Festung bauen.
Sie ging davon mit dieser ruhigen, gefährlichen Anmut, Schultern breit, die Hüften in ihrem eigenen stillen Rhythmus unter dem dünnen schwarzen Kleid, das mehr andeutete, als es zeigte.
Und da saß ich.
Hüter der Handtasche.
Meine geliebte Frau beugte sich zu mir und fragte, ob ich noch einen Fatcha-Cacha-No-Drip-Latte wollte.
Ja, sagte ich.
Zutiefst dankbar für solche Momente.
Nichts war passiert.
Keine Grenze überschritten. Keine Nummer ausgetauscht. Keine Fantasie erfüllt.
Trotzdem mehr Sex als in den meisten Schlafzimmern.
So großartig kann menschliche Begegnung manchmal sein. Die Spannung. Die Zurückhaltung. Die schlichte Schönheit des Beobachtens.

..and sometimes they sit close by..
Ode an eine Art zu leben
Wir verließen Costa Rica nach zweieinhalb Monaten.
Die meiste Zeit waren wir in Uvita, aber auch in Monteverde und San José.
Die Liste dessen, was mir fehlen wird, ist lang.
Aber darum geht es eigentlich nicht.
Was bei mir blieb, lässt sich schwerer benennen.
Ich war schon einmal hier gewesen, vor fast dreißig Jahren.
Und irgendwie hat sich der Rhythmus dieses Ortes weniger verändert, als man erwarten würde.
Die Menschen lächeln immer noch leichter.
Gespräche fühlen sich immer noch weniger vorsichtig an.
Die Dinge scheinen nicht dasselbe Gewicht zu haben.
Am frühen Abend sieht man sie überall.
Ein paar Kerle vor einem kleinen Supermarkt.
Bier in der Hand.
Lachend, diskutierend, an verbeulte Pick-ups gelehnt, die aussehen, als hätten sie schon ein ganzes Leben hinter sich. Werkzeug auf der Ladefläche, Staub noch auf den Klamotten.
Nichts inszeniert. Nichts erklärt.
Einfach das Ende eines langen Tages, der ihnen nicht nach Hause gefolgt ist - vielleicht ist das das Geheimnis.
Ich ertappte mich dabei, diese Momente zu beobachten.
Nicht, weil sie einfach aussahen.
Sondern weil das, was tagsüber schwer gewesen war … anders an ihnen haften blieb. Oder eben nicht.
Da liegt eine gewisse Lockerheit drin.
Ein stilles Einverständnis, dass morgen sowieso kommt und man ihm genauso gut begegnen kann, ohne alles zweimal zu schleppen.
Und dann, nicht weit von demselben Supermarkt entfernt, fällt dir etwas anderes auf.
Häuser an den Hängen.
Große. Sorgfältig geplant. Pools, Terrassen, Gästezimmer, Küchen für zehn Menschen, die nie gleichzeitig auftauchen.
Der Traum, importiert.
Menschen, die auf der Suche nach genau diesem Gefühl hergekommen sind.
Und etwas Beeindruckendes darum herum gebaut haben.
Und doch fühlt es sich manchmal an, als hätten sie das Gewicht mitgebracht.
Nur anders angeordnet.
Mehr Platz. Bessere Aussicht.
Dieselbe Rastlosigkeit, bloß mit anderem Soundtrack.
Das ist nicht falsch. Es ist menschlich.
Du siehst etwas, das leichter wirkt …
und versuchst, es dir zu eigen zu machen.
Aber manches lässt sich so nicht übertragen.
Es liegt darin, wie Menschen durch einen Tag gehen.
Wie ernst sie die Dinge nehmen.
Oder eben nicht.
Vielleicht bedeutet „pura vida“ genau das, oder vielleicht bin ich dem Verstehen nur so nahe gekommen.
Kein Ort.
Kein Haus.
Nicht einmal ein Lebensstil, den man nachbauen kann.
Bloß ein etwas anderes Verhältnis zu allem, was dazwischen passiert.
Und das stille Wissen, dass nicht alles davon bei dir bleiben muss.
Die Rückkehr, über die niemand spricht
Hier sind ein paar Gedanken, die in den Wochen nach Costa Rica und Panama bei mir geblieben sind.
Ich bin wieder in Italien.
Wieder in meinem Olivenhain.
Alles ist genau so, wie ich es verlassen habe.
Das Mittelmeer breitet sich noch immer vor mir aus.
Das Dorf sitzt noch immer da und tut so, als hätte sich nie etwas verändert.
Die Kräuter riechen noch genauso.
Meine Hunde sehen mich noch immer an, als wäre ich nie weg gewesen.
Ich sehe das alles.
Ich weiß noch, warum ich mich in diesen Ort verliebt habe.
Aber ich komme nicht hinein.
Es ist, als stünde ich vor meinem eigenen Leben
und hätte den Schlüssel nicht.
Ligurien soll im Winter mild sein.
Ich friere.
Sogar der Prosciutto schmeckte besser, als er mir fehlte.
Die Tage vergehen leise.
Nach Sonnenuntergang sitze ich auf dem Sofa, müde.
Bücher halten mich nicht fest.
Malen fühlt sich überflüssig an.
Schreiben erzwungen.
Sogar die Abendessen, die ich koche … kommen nicht an.
Nichts ist falsch.
Das ist das Problem.
Und langsam beginne ich es zu verstehen.
Ich bin nicht müde von der Arbeit.
Ich bin müde vom Hiersein,
während etwas in mir noch woanders ist.
Am Hermosa Beach entlangläuft.
Beim Sonnenaufgang dasitzt und den Aras bei ihren Witzen zuhört.
Die schwere Luft im Regenwald atmet.
Nachts langsam durch den Ort fährt.
Meinem Sohn dabei zusieht, wie er an Orten verschwindet, an denen Sprache keine Rolle spielt.
Das alles läuft noch.
Irgendwo hinter meinen Augen.
Und dann ist da der andere Teil.
Mit dem ich nicht gerechnet hatte.
Ich sitze mit Freunden zusammen.
Sie erzählen, was passiert ist.
Was ich verpasst habe.
Ich höre zu.
Ich nicke.
Ich lache an den richtigen Stellen.
Sage die richtigen Dinge.
Aber ich bin nicht wirklich da.
Es fühlt sich an, als hörte ich eine Geschichte, die ich schon kenne.
Nur ein bisschen anders angeordnet.
Und das meine ich nicht böse.
Es erreicht mich einfach nicht mehr.
Nicht so wie früher.
Mir fällt noch etwas auf.
Ich will gar nicht wirklich wieder hinein.
Nicht ganz.
Denn wieder hineinzugehen fühlt sich an, als müsste ich etwas kleiner machen,
das ich nicht kleiner machen will.
Also bleibe ich ein bisschen draußen.
Anwesend.
Höflich.
Beteiligt genug.
Aber nicht mittendrin.
Und in diesem Zwischenraum …
fängt etwas Neues an, wichtig zu werden.
Nicht ganz Einsamkeit.
Nicht ganz Freiheit.
Bloß … Abstand.
Eine leise Art von Abstand,
die dir nach Hause folgt,
wenn du noch eine weitere Art entdeckt hast, lebendig zu sein.
Spiegeleier … einfach richtigDie meisten Dinge sind einfach, wenn man sie richtig macht.
Ruhig. Beherrscht. Fast selbstverständlich.
Spiegeleier gehören dazu.
Und trotzdem: Gib jemandem eine Pfanne, etwas Butter und einen stillen Morgen, und oft werden daraus Lärm, Hitze und kleine Explosionen.
Nicht, weil es schwierig ist.
Weil es zu schnell gehen soll.
Also klären wir das ein für alle Mal.
1. Respektiere die Hitze
Mittel. Nicht hoch.
Wenn deine Butter schreit, ist die Kontrolle schon weg.
2. Kalt anfangen, lebendig werden lassen
Butter in eine kalte Pfanne.
Langsam schmelzen lassen. Ihren Rhythmus finden lassen.
3. Pfeffer zuerst
Nicht am Ende. Am Anfang.
Lass ihn sich in der Butter entfalten.
Lass ihn freigeben, was in ihm steckt.
Wenn die Eier dazukommen, ist er kein Gewürz mehr.
Er gehört zum Fundament.
4. Die Eier hineinlegen
Nicht aus der Höhe.
Lass sie hineingleiten, als gehörten sie dorthin.
5. Nimm weniger, als du denkst
Eine dünne Schicht Butter reicht.
Zu viel macht nur Chaos.
6. In Ruhe lassen
Nicht ständig bewegen. Nicht eingreifen.
Lass es stocken.
7. Bewusst zu Ende bringen
Wenn nötig, kurz einen Deckel drauf.
Salz, wenn es fertig ist.
Und wenn du ein wirkliches Geheimnis willst:
Nimm etwas, von dem die meisten nicht einmal wissen, dass es existiert.
Wilden Voatsiperifery-Pfeffer aus Madagaskar.
Klein, wild, ein bisschen Zitrus, ein bisschen Holz, durch nichts zu ersetzen.
Zu wissen, dass er da ist, versteckt unter den Eiern, verändert das ganze Erlebnis.
Auch wenn es sonst niemand bemerkt.
Denn darum geht es.
Die besten Dinge sind oft unsichtbar.
Aber du weißt, dass sie da sind.

Und dann frage ich mich:
„Wenn ich dieses Leben noch einmal leben dürfte, würde ich mehr oder weniger masturbieren?“
Ohne Sand-Panade
Ich war Anfang zwanzig und feierte mit Freunden auf der griechischen Insel Kos. Wir waren schon vorher dort gewesen und kannten genug Einheimische, um kostenlos in die Clubs zu kommen und selten für Getränke zu bezahlen.
Eines Abends bat mich eine attraktive Engländerin, den Club mit ihr zu verlassen und zum Strand zu gehen, was sich schnell in hektischen Hose-runter-Rock-hoch-Sex im Sand verwandelte.
Ich erinnere mich, wie konzentriert ich darauf achtete, nicht rauszurutschen und mir versehentlich den halben Strand an den Schwanz zu kleben, als plötzlich zwei Typen auf uns zugerannt kamen.
Sie sprangen über uns drüber.
Auf der anderen Seite riss der Verfolger den anderen zu Boden und schlug ihn windelweich, während er immer wieder brüllte:
„Lass meine Frau in Ruhe.“
Irgendwann sah er zu uns rüber, erkannte mich und sagte ganz beiläufig:
„Hey Jan.“
Da war der andere schon bewusstlos.
Der Ehemann stand auf und ging.
Der Bewusstlose rollte sich auf die Seite, von uns weg, und fing an zu schnarchen.
Die Engländerin sah mich an und fragte:
„Du kanntest den?“
Ich nickte.
Wir lächelten und machten weiter, ohne weitere Unterbrechungen oder Sandpanade.

gestern entstanden
120 x 160 cm
Warum haben sie es nicht begriffen?
Monate nach unserer Rückkehr aus Costa Rica fällt die Bilanz meiner kleinen Familie über die Zeit dort nicht besonders begeistert aus - und ich verstehe es nicht.
Die Enttäuschung meines Sohnes verstehe ich. Er sollte dort zur Schule gehen, aber ihre Winterferien entsprechen unseren Sommerferien. Statt zwei, drei Monate diese unglaubliche Dschungelschule zu besuchen, war er also nur eine Woche dort und lernte all die Freunde nie kennen, die er sich ausgemalt hatte.
Meine Frau sagt im Grunde: Es war schön, aber Südostasien gefällt mir besser. Sie könnte sich vorstellen, nach der Rente einen Teil des Jahres in Costa Rica zu leben.
Ich sehe noch die Schlaglöcher auf dem Weg zur Hauptstraße, rieche frühmorgens den kleinen Garten unseres gemieteten Hauses, eine Tasse dieses unglaublichen Kaffees in der Hand, und kann fast noch die kleinen Leguanfürze hören. Das Meer, mein Blick stundenlang nach Westen gerichtet, im Wissen um die unbegreifliche Weite des Pazifiks.
Meine nächtlichen Fahrten zum Laden auf der Suche nach einer Flasche Wein, in Schrittgeschwindigkeit, mit großartiger Musik, durchs Viertel kreuzend, in Erwartung irgendeines Abenteuers, das mich überrascht. Die Freundlichkeit der paar Ticos, die mich langsam wiedererkannten, ihr offenes Lächeln und ihre bewundernswerte Gleichgültigkeit. Ich könnte so viele Eindrücke aufzählen, Gerüche und Momente, in denen meine Seele Boden unter die Füße bekam.
Es fällt mir so schwer, loszulassen.
Und ich hasse es, anderen davon zu erzählen. Sie starren mich nur ungläubig an, fragen sich, was ich eigentlich will, weil ich doch scheinbar alles habe - das Leben am Mittelmeer in Italien, Olivenölproduzent, das Grundstück, die Reisen, eine funktionierende Ehe und einen Sohn, all diese Freiheit, sagen sie …
Wenn der Alltag überwiegend daraus besteht, Rechnungen zu bezahlen und sich anzupassen, merkst du irgendwann gar nicht mehr, wie wenig dich dein eigenes Leben noch interessiert. Dann geht das Vergleichen los. Und das geht nie gut.
Ich predige hier nicht. Ich war da. Festgefahren. Hatte vergessen zu lachen. Vergessen zu träumen. Streichelte meine Routine und lief dabei jeden falschen Weg entlang.
Ich habe meinem Sohn sogar ein Geheimwort für explosive Situationen gegeben, wenn ich die Kontrolle verliere und das Schreien anfängt - Papa, bitte -, um mich daran zu erinnern, dass er nur ein Kind ist und das wichtigste Alles in meinem Leben.
Ich bin da durchgebrochen, und jetzt lache ich, weil ich auch pleite bin - nicht wirklich, aber es hat seine Wichtigkeit verloren. Ich war im Kopf pleite, und jetzt kann ich meinen Geist nicht mehr einfangen, will meine Gedanken nicht kontrollieren, liebe diese wilde Freiheit und pflüge instinktiv voran, im Wissen, dass aus dem Loslassen nur Gutes kommen kann.
Einfache Worte - wild gelebt.
Und plötzlich wird der Alltag zum Problem. Du bist gereist, hast die Welt geschmeckt, unzählige neue Nachbarn getroffen, kein Horizont weit genug, kein Gewürz zu intensiv, keine Markthalle zu voll …
Aber zu Hause ist es nicht schlechter.
Das ist das Problem.
Es ist schön. Liebevoll. Vertraut. Meins.
Wenn ich von meinem Grundstück nach Westen schaue, sehe ich bloß einen Hügel voller Olivenbäume.
Das Problem ist: Ich weiß, wie Westen aussehen kann.

Nicken und Lächeln, bevor die Welt sich veränderteAn einem wunderschönen warmen Septemberabend ging ich in mein Stammcafé, Le Conti in Saint-Germain. Die Straßen waren voller Touristen und Einheimischer. Es war Montag. Manche kamen von der Arbeit nach Hause, andere suchten noch nach Restaurants, Wein oder neuen Erinnerungen.
Am Nebentisch saßen drei Männer in meinem Alter. Perser, stellten sie sich stolz vor, bevor sie mir etwas von ihrem Rosé anboten, den ich gegen Zigaretten tauschte, obwohl sie normalerweise nie rauchten.
Es war ihr erster Parisbesuch, und daraus wurde ein sehr unterhaltsamer Abend.
Wir tranken sieben Flaschen Wein, und je mehr wir tranken, desto ausführlicher erklärten sie mir, wie emotional persische Männer seien. Irgendwann fragten sie, ob sie mit meinem Handy kurz ihre Mütter zu Hause anrufen dürften. Sobald die erste Mutter ranging, fingen alle drei sofort an zu weinen und ihr zu erzählen, wie sehr sie sie liebten und vermissten.
Dann riefen sie die nächste Mutter an.
Dasselbe Spiel.
„Wir sind sehr emotional“, versicherten sie mir, während sie mein Handy komplett leersaugten, um auch noch die nächste Mutter anzurufen.
Als die Telefonate endlich aufhörten, fragte ich, ob sie etwas Jazz hören wollten, also schlenderten wir zum Caveau de la Huchette. Aber sie schafften es nie die Treppe hinunter.
„Wir müssen noch ein bisschen weinen.“
Der Wein hatte ihnen auch noch die letzte Hemmung ausgezogen.
Nachdem ich einen Platz gefunden hatte, um mein Bier zu trinken, fiel mir eine junge Frau nahe der Bühne auf, in Gedanken versunken, den Blick auf die Wand gerichtet statt auf die Liveband. Irgendwann schaute sie durch die Menge und fand meine Augen. Ich antwortete mit einem kleinen Lächeln und Nicken und fragte sie damit wortlos, was sie da machte.
Sie legte den Kopf schief, zuckte mit den Schultern und lächelte schüchtern.
Ich hörte der Musik noch eine Weile zu, langweilte mich dann aber und ging Richtung Ausgang.
Ja, auf den bin ich immer noch stolz.
Genau als ich an ihr vorbeikam, drehte sie sich zu mir, als hätte sie auf eine Frage gewartet.
„Schade, dass du morgen arbeiten musst“, sagte ich. „Sonst würde ich dich liebend gern mit in mein Hotel nehmen.“
„Ich muss morgen nicht arbeiten.“
Sie nahm sofort meine Hand und folgte mir zur Treppe, wo meine persischen Freunde immer noch saßen, einander umarmten und weinten und dabei den halben Eingang blockierten.
Auf den zwei Häuserblocks zurück zu meinem Hotel küssten wir uns wie hungrige Tiere an geparkten Autos, fielen von einer Motorhaube zur nächsten, bis uns das Geräusch von zersplitterndem Glas unterbrach.
Auf der anderen Straßenseite schlug ein Typ im Kapuzenpulli Autoscheiben ein, um Radios und CD-Player zu klauen. So lange ist das her.
Irgendwann schaute er rüber, sah uns, nickte und lächelte.
Ich nickte zurück, als würden wir uns einfach gegenseitig eine erfolgreiche Nacht wünschen.
Wir landeten in der randvollen Badewanne meines Hotelzimmers und versuchten, Sex zu haben, was sich als unmöglich erwies, weil die Wellen gegen unseren Rhythmus arbeiteten und innerhalb von Minuten das gesamte Bad unter Wasser stand.
Wildes, wunderschönes Chaos zwischen zwei Fremden.
Am nächsten Morgen war die Welt nicht mehr dieselbe.
Es war der 11. September 2001.

Der Zynismus des GeselligseinsSeit wir wieder in Italien sind, zurück in unserem Alltag, fällt mir folgendes auf.
Meine Frau ist Reiseleiterin an der italienischen und französischen Riviera. Ein Beruf, in dem menschlicher Kontakt so viel Darbietung verlangt und so viel Energie zieht, dass danach tatsächlich weniger Fähigkeit zu echter Nähe übrig bleibt.
Und ich werfe ihr das nicht vor.
Von außen sieht es gesellig aus, warm, lebendig, sogar glamourös. Mittelmeerküste, Touristen, Geschichten, Bewegung, Sonnenschein. Aber psychisch kann es emotionale Akkordarbeit werden.
Im Grunde vermietet meine Frau Stunde um Stunde ihre Aufmerksamkeit, Wärme, Geduld, Mimik, Begeisterung, ihr Timing und ihre soziale Intelligenz an Fremde, die sich kaum ihren Namen werden merken können.
Wenn sie nach Hause kommt, ist der „Menschenakku“ nicht durch Kontakte aufgeladen. Er ist durch Kontakte leer.
Und dann passiert etwas Tragisches, aber sehr Modernes:
Die Reste bekommt meistens der Partner.
Nicht, weil die Liebe weg ist.
Nicht, weil die Beziehung gescheitert ist.
Sondern weil das Nervensystem durch ist.
Netflix wird zur Betäubung, nicht zur Unterhaltung.
Doomscrolling zum Druckablassen, nicht zur Neugier.
Stille zum Überleben.
Und ich glaube, das ist ein Grund, warum Paare heute langsam in eine parallele Einsamkeit treiben, obwohl sie rein technisch jeden Abend miteinander verbringen.
Der eine denkt:
„Wir haben nichts mehr zu besprechen, keine richtigen Themen.“
Der andere denkt:
„Ich kann buchstäblich keinen einzigen Satz mehr produzieren.“
Das Tragische ist - beide haben recht.
Ich schätze, das lässt sich in vielen Berufen beobachten:
bei Lehrern, Pflegekräften, Therapeuten, Kellnern, Verkäufern, Hotelangestellten, Flugbegleitern und so weiter.
Wenn ständig Energie nach außen geht und die Erholung keinen festen Platz hat, entsteht innen Leere.
Und was die Erholung angeht: Ein Glas Wein mit dem Partner klingt tröstlich, klaut aber dem nächsten Morgen Energie. So entscheiden sich Erwachsene heute oft für Effizienz statt Lebendigkeit, ohne es überhaupt noch zu merken.
Manchmal ist Einsamkeit:
- den ganzen Tag reden, ohne je etwas Echtes zu sagen
- beruflich lächeln, bis dein Gesicht dir nicht mehr gehört
- zu erschöpft sein für Nähe
- Erholung durch passive Berieselung ersetzen
- jemanden tief lieben und ihm doch nur noch in Bruchstücken begegnen
Und plötzlich zählen weder Luxus noch Erfolg oder Produktivität als Währung, sondern Gegenwart.

Panama City '26
Und ich dachte, ich wäre der Jäger …Wenn du auch nur ein bisschen so bist wie ich, ging es beim Sex nie in erster Linie ums Bekommen.
Natürlich habe ich es genossen, und ich bewerbe mich hier nicht um die Heiligsprechung.
Aber am meisten erregte es mich, ihr beim Genießen zuzusehen.
Wenn ich die Chance hatte, ihr einen klitoralen und einen vaginalen Orgasmus zu schenken, würde ich es auf jeden Fall versuchen, bevor ich mich um mich selbst kümmerte.
Über die Jahre ist mir etwas Interessantes aufgefallen.
Einige der sexuell abenteuerlustigsten Frauen, die ich kennengelernt habe, waren nicht unbedingt die großzügigsten Liebhaberinnen.
Sie waren immer bereit.
Immer hungrig.
Immer dabei, wenn es darum ging, den Autositz zurückzuklappen, hinter einem Baum zu verschwinden, sich von einer Party davonzuschleichen oder irgendeinen herrlichen Ärger anzuzetteln.
Das Lustige daran ist, dass die meisten Männer das als Großzügigkeit verstehen.
Wir denken:
„Wow. Ich kann sie haben.“
Aber im Rückblick bin ich mir nicht immer sicher, ob es das war, was da passierte.
Manchmal wollte sie einfach, was sie wollte.
Ich war bloß der nächstgelegene verfügbare Mitspieler.
Beim Vorspiel ging es nicht darum, einander zu entdecken.
Beim Vorspiel ging es darum, mich einsatzbereit zu machen.
Die Mission war längst geplant.
Ich bekam nur noch meine Anweisungen.
Und das Seltsame ist: Wir Männer gehen danach oft mit dem Gefühl davon, gewonnen zu haben.
Als hätten wir etwas erobert.
Als wären wir der Jäger gewesen.
Währenddessen bekam sie genau das, was sie wollte, genau dann, wann sie es wollte, und wusste wahrscheinlich schon in dem Moment, als sie uns ansah, dass es so kommen würde.
Vielleicht regieren Männer die Welt viel seltener, als wir uns einbilden.
Vielleicht sind wir einfach nur extrem begeisterte Freiwillige.
Sei ehrlich … hältstdu dich für einen Jäger oder bloß einen sehr begeisterten Freiwilligen?
Als Gen X zu Gen Pro wurde
Da ist ein Gedanke, der mich nicht loslässt.
Ich bin 1974 geboren.
Damit gehöre ich zur Generation X.
Der Generation, die vor dem Internet aufgewachsen ist. Vor Smartphones. Bevor jede Meinung ein Publikum brauchte.
Wir fuhren Fahrrad, bis es dunkel wurde.
Wir klopften an Türen, statt Nachrichten zu schicken.
Wir schauten MTV, als es auf MTV noch Musik gab.
Die meisten von uns wurden mit einem ziemlich einfachen Fahrplan groß:
Lernen.
Einen Job finden.
Dabeibleiben.
Hart arbeiten.
In Rente gehen.
Dann, wenn alles nach Plan lief, würde das Leben endlich anfangen.
Unsere Eltern glaubten an diesen Deal.
Viele von ihnen opferten unheimlich viel dafür.
Und lange Zeit taten wir das auch.
Aber irgendwo unterwegs passierte etwas Seltsames.
Viele von uns hörten auf, diesem Vertrag zu glauben.
Nicht, weil wir faul wurden.
Weil wir anfingen, andere Fragen zu stellen.
Mit zweiundfünfzig habe ich weniger Lust denn je, Leitern hochzuklettern oder Versprechen hinterherzulaufen.
Vielleicht haben wir etwas Einfaches begriffen.
"Wir sind genug."

Ich nahm meinen Sohn aus dem herkömmlichen Schulsystem.
Wir fingen an zu reisen.
Ich fing wieder an zu schreiben.
Ich fing wieder an zu malen.
Ich habe keine akademische Kunstausbildung.
Keine beeindruckenden Qualifikationen an der Wand.
Nur Neugier und das Gefühl, dass das Leben zu kurz ist, um die Dinge aufzuschieben, die einen lebendig machen.
Und zum Glück bin ich damit nicht allein.
Ich sehe Menschen in meinem Alter, die Karrieren hinter sich lassen.
Unternehmen gründen.
Cafés eröffnen.
Surfen lernen.
Bücher schreiben.
In andere Länder ziehen.
Sich wieder verlieben.
Gemüse anbauen.
Ganz neue Richtungen einschlagen, nachdem sie jahrzehntelang nach der Landkarte eines anderen gelaufen sind.
Unsere Eltern arbeiteten oft für die Freiheit.
Viele von uns haben beschlossen, sie zu leben.
Vielleicht ist das die eigentliche Geschichte der Generation X.
Nicht, dass wir älter geworden sind.
Sondern dass wir die erste Generation wurden, die begriffen hat: Sich neu zu erfinden hat kein Verfallsdatum.
Vielleicht denke ich deshalb nicht mehr an uns als Gen X.
Für mich sind wir Gen Pro.
Nicht professionell.
Pro Leben.
Pro Neugier.
Pro Abenteuer.
Pro zweite Chancen.
Die Generation, die sich das Drehbuch ansah und sagte:
„Nein danke.
Den Rest würde ich gern selbst schreiben.“

Wo kommt all dieses Leben her?
Ich habe ein Kind gezeugt.
Ein Zuhause gebaut.
Unzählige Bäume gepflanzt.
Steuern bezahlt.
Genug Rückenschmerzen angesammelt, um als Mann mittleren Alters durchzugehen.
Biologisch gesehen
müsste ich inzwischen in aller Ruhe Enten füttern.
Warum zum fuck bin ich also immer noch geil?
Warum schaue ich mir immer noch gern einen schönen Arsch an?
Warum tauchen immer noch wilde Fantasien auf, völlig uneingeladen?
Ich dachte immer, die Libido hätte vor allem einen Auftrag:
Verbreite deine DNA.
Halte die Art am Laufen.
Mission erfüllt.
Warum läuft der Motor also noch - jeden Tag?
Aber vielleicht ist das die falsche Frage.
Vielleicht lautet die eigentliche Frage:
Was treibt derselbe Motor noch alles an?
Denn je genauer ich mein eigenes Leben beobachtete,
desto weniger sah es nach Sex aus.
Es sah nach Bewegung aus.
Nach Rastlosigkeit.
Nach dem Drang zu reisen.
Zu malen.
Zu schreiben.
Meditation auszuprobieren.
Fast alles infrage zu stellen, was ich stillschweigend akzeptiert hatte.
Dort noch einmal anzufangen, wo niemand es von mir erwartete.
Und ich komme immer wieder zu derselben Frage:
Was, wenn Geilsein gar nicht hauptsächlich mit Sex zu tun hat?
Was, wenn es ums Leben geht?
Denk mal darüber nach.
Warum gibt ein Fünfundfünfzigjähriger plötzlich eine erfolgreiche Karriere auf, um Tischler zu werden?
Warum beschließt eine Frau, deren Kinder aus dem Haus sind, den Jakobsweg zu gehen?
Warum lernt jemand, der nie ein Instrument angefasst hat, plötzlich Klavier?
Warum kauft sich ein anderer ein Surfbrett?
Oder legt einen Weinberg an.
Oder entdeckt Gedichte.
Oder schreibt endlich den Roman, der seit dreißig Jahren in ihm sitzt.
Diese Entscheidungen scheinen nicht viel gemeinsam zu haben.
Aber vielleicht doch.
Vielleicht werden sie alle von derselben Kraft angetrieben.
Vielleicht haben wir eine Ausdrucksform dieser Kraft mit der Kraft selbst verwechselt.
Vielleicht verschwindet die Libido nicht, sobald Fortpflanzung biologisch nicht mehr an erster Stelle steht.
Vielleicht sucht sie sich einfach etwas anderes.
Vielleicht sucht das Leben weiter nach einem Ort, an dem es wachsen kann.
Sex ist eine Ausdrucksform.
Erschaffen eine andere.
Neugier noch eine.
Abenteuer noch eine.
Liebe.
Risiko.
Neuanfang.
Vielleicht ist das, was wir Midlife-Crisis nennen, einfach das Leben, das sich weigert, Zuschauer zu werden.
Vielleicht ist das die eigentliche Gen Pro.
Keine Menschen, die sich weigern, älter zu werden.
Menschen, die sich weigern, mit dem Werden aufzuhören.
Vielleicht bin ich nicht immer noch geil, weil ich mehr Sex will.
Vielleicht bin ich immer noch geil, weil ich mehr Leben will.
Was, wenn ich so darüber nachdenke,
erheblich anstrengender ist.
Dann kam mir noch ein Gedanke.
Vielleicht ist Libido viel größer als Sexualität.
Wir reduzieren sie meistens aufs Schlafzimmer.
Aber vielleicht ist sie einfach Verlangen.
Das Verlangen, etwas zu schaffen.
Zu erkunden.
Sich zu verbinden.
Zu schmecken.
Zu werden.
Herrlich unfertig zu bleiben.
Und plötzlich ergeben viele Menschen Sinn.
Der Mann, der in seiner Garage ein Holzboot baut.
Die Frau, die mit dreiundsechzig Italienisch lernt.
Der Buchhalter, der Töpfer wird.
Das Paar, das ein Ticket ohne Rückflug kauft.
Die Großmutter, die Tangostunden nimmt.
Derselbe Motor.
Anderes Ziel.
Also ist hier die Frage, die mir ständig hinterherläuft:
Wohin zum fuck soll ich jetzt all dieses Leben gießen?
Vielleicht ist das die eigentliche Frage.
Nicht nur für mich.
Für uns alle.
Denn vielleicht passiert genau das.
Du begreifst plötzlich, dass viel mehr Leben in dir steckt, als die Welt für dich vorgesehen hat.
Und das bringt mich auf noch einen Gedanken.Vielleicht ist das, was wir Midlife-Crisis nennen, gar keine Krise.
Vielleicht ist es einfach das Leben, das irgendwann sagt: So. Genug mit der ganzen Fuckness.

keine Ahnung
Weißt du, mein Olivenhain hat GrooveEin großer Luxus in meinem Leben ist nicht das Haus.
Es ist die Abwesenheit von Nachbarn.
Zwei alte 500-Watt-Lautsprecher hängen an zwei Olivenbäumen, aufs Haus gerichtet, das Mittelmeer im Rücken.
An manchen Morgen läuft Buena Vista.
An anderen Oper.
Manchmal Ambient House.
Manchmal lächerliche Latin-Musik, die zu einer Tasse Kaffee mit dem Mittelmeer vor der Nase absolut keinen Sinn ergibt.
Ich drehe auf.
Nicht, weil ich jemanden beeindrucken will.
Es ist niemand da, den ich beeindrucken könnte.
Die Musik bleibt nicht zwischen vier Wänden.
Sie entkommt.
Sie rollt bergauf zum Haus, unter den Olivenbäumen hindurch, quer durchs Tal, und irgendwie wird sie Teil der Landschaft.
Draußen verhält sich Musik anders.
Jazz atmet mehr.
Oper wird fast unbegreiflich schön.
Selbst fürchterliche Popsongs verdienen plötzlich noch eine Chance.
Vielleicht hat Freiheit einen Klang.
Vielleicht ist es einfach dein Lieblingslied, so laut du willst, ohne dass jemand dich bittet, leiser zu machen.
Für mich sind diese Lautsprecher Teil des Grundstücks geworden.
Teil meines Lebens.
Und hin und wieder, wenn ich nachts vollkommen allein dort stehe, die Lautstärke weit höher, als irgendein vernünftiger Erwachsener sie aufdrehen sollte, habe ich dieses seltsame Gefühl, dass das Leben genau dort ist, wo es hingehört.

Manchmal muss man seinen Dämonen in die Eier tretenMeine Frau und mein Sohn fuhren also für eine Woche nach Deutschland.
Mein Plan war, jeden Morgen zu meditieren, grünen Tee statt Kaffee zu trinken, hundert Liegestütze am Tag zu machen und meine Tage mit Lesen, Schreiben und Malen zu verbringen, gefolgt von ruhigen Abenden, ohne Alkohol, ohne Kohlenhydrate und mit jeder Menge Meeresfrüchten …
Am ersten Abend las ich das Kapitel über die nie gekochte Fischsuppe noch einmal, sprang ins Auto und besorgte alle Zutaten für einen spektakulären Dark and Stormy, dazu ein paar Bier zur Sicherheit.
Die Nacht endete damit, dass ich meinen Dämonen zuprostete, die gerade noch einen Joint drehen wollten, während ich draußen auf dem Sofa mit einem dämlichen Grinsen einschlief, im Wissen, dass die erste Nacht nicht zählte, weil ich ja meine Freiheit feiern und mich auf eine Woche kreatives Vollgas vorbereiten musste …
Am nächsten Morgen wusste ich nichts mit mir anzufangen. Ich bin Frühaufsteher, und gegen sechs gibt es nicht besonders viel zu tun, also setzte ich mich ins Auto, fuhr zum Strand, sprang ins Meer mit seinen teetassenhohen Wellen und ließ mich im kalten Wasser auf dem Rücken treiben.
Ich hatte die ganze Bucht für mich, und nur der Duft frisch gerösteter Kaffeebohnen hielt mich davon ab, wer weiß wohin zu treiben.
Die nächsten Tage waren eine Mischung aus Reparaturen, Rasenmähen, Kaffeepausen, Nickerchen und dem Wissen, dass ich jederzeit schreiben oder malen konnte, wenn mir danach war.
War mir nur nicht.
Die Abende bestanden aus Vorbereitungen fürs Essen, lauter Musik auf dem Grundstück und der Gewissheit, dass ich meinen Dämonen noch lange vor dem Ende der Nacht ordentlich in die Eier treten würde …
Also öffneten wir eine Flasche Wein, nur um zu sehen, was passieren würde, und drehten einen kleinen Joint, weil die Musik so gut war, so intensiv, und Erinnerungen an alte Zeiten mir über die Schulter rollten wie der Besuch eines alten Freundes.
Harmonie.
Groove.
Vibe.
Der Meerblick.
Verdammt … wie hätte ich da nicht feiern sollen?
Nach drei Tagen bot einer meiner wenigen guten Freunde hier, der Koch meines Lieblingslokals, an, mir ein bisschen Gesellschaft zu leisten. Er bringt meistens unglaubliche Sachen aus seinem Restaurant mit, und gegen Mittag fingen wir an zu kochen und zu rauchen und zu trinken und über ferne Orte zu reden, an denen wir gewesen waren, und darüber, was es braucht, um in Italien glücklich zu bleiben, wo wir alles haben und nichts funktioniert.
Er ging am frühen Abend und ließ mich betrunken, bekifft und glücklich verwirrt zurück, mit dem Kopf irgendwo auf der Weltkarte, auf der Suche nach neuen Orten zum Entdecken und neuen Abenteuern zum Erträumen.
Bis dahin war kein neues Wort geschrieben worden, und keine Leinwand hatte Farbe gesehen.
Diese Tage fühlten sich seltsam vollkommen an.
Da war kein Druck.
Ich jagte nichts hinterher.
Ich verstand, was Menschen meinen, wenn sie davon reden, im Jetzt zu leben.
Gleichzeitig trieb ich ständig Richtung morgen, überzeugt davon, dass morgen anders würde.
Produktiver.
Mehr auf Dämoneneier konzentriert.
Vielleicht sogar vielversprechender.
Am Tag vor ihrer Rückkehr folgte ich dem leisesten Hauch von Inspiration in mein Atelier und malte diese beiden.
Irgendwo darin, offen versteckt, sind Dämonengesichter.
Ihre Eier sind, soweit ich das beurteilen kann, immer noch intakt.


Als Bella einschliefNach siebzehn abenteuerlichen, liebevollen und harmonischen Jahren mussten wir unsere Schäferhund-Whippet-Dame schließlich einschläfern lassen.
Der Tierarzt hatte mir schon Wochen vorher starke Beruhigungstabletten gegeben, und als es unausweichlich wurde, als ihre Hüften sie einfach nicht mehr tragen konnten, wickelte ich sie in Stücke Prosciutto und gab ihr ein letztes Mal zu essen.
Als der Tierarzt kam, nahm sie die Spritze kaum noch wahr.
Innerhalb von zwei Minuten war sie fort.
Es tut immer weh, ein Tier zu verlieren.
Du denkst an das Tierheim, aus dem wir sie geholt haben. An die ersten Momente, als sie die anderen Hunde kennenlernte. Wie gern sie mit meiner Frau joggen ging. Wie sie schon lange vor der Geburt unseres Sohnes Teil unseres Lebens war.
Plötzlich erscheint es unbegreiflich lang, dass ein so kleines Wesen so viel von unserem Leben miterlebt hat.
Am Abend ihres Todes saß ich draußen in unserer Lounge-Ecke, wo ich normalerweise koche, chille, schreibe oder feiere, mit Freunden oder allein.
An diesem Abend war die Musik gerade zwischen zwei Liedern. Sie ließ der Stille etwas Platz.
Und ich bemerkte ein Ticken.
In der nächsten Pause wieder.
Ticken.
Ich verstand es nicht.
Ich machte die Musik aus und sah über mir zu einer alten Wanduhr, die seit Jahren nicht mehr funktioniert hatte.
Und da war sie.
Tickte vor sich hin, als hätte es die Zeit nie gegeben.
An dem Tag, an dem Bella starb.
Was es bedeutet, der tiefere Sinn dahinter?
Wer zum fuck weiß das schon.
Vielleicht weiß es die Zeit und hat vergessen, es uns zu sagen.

Es gibt keinen fucking Uhren ClubIch gebe zu, Costa Rica lässt mich nicht zur Ruhe kommen und verfolgt mich.
Es kriecht mir immer wieder den Nacken hoch, wie eine liebevolle Hand, die dir am Hinterkopf durchs Haar fährt, natürlich in den seltsamsten Situationen.
Wenn du an der Supermarktkasse wartest und dir schon wieder den langweiligen Bericht über irgendjemandes lebensverändernde Erfahrung anhörst.
Wenn ein Klempner oder eine Kellnerin oder sogar ein Arzt dir sagt: „Das geht nicht.“
Wenn das Jeden-Tag-den-ganzen-Tag sich wieder in die Routinen einschleichen will, die du abschütteln wolltest.
Wenn du dich fragst, warum zur Hölle du gerade getan hast, was du getan hast, und begreifst, wie wunderbar du dir selbst im fucking Weg stehen kannst.
Oder wenn du zwei Männer dabei ertappst, wie sie einander dieses winzige, geheime, besserwisserische Wir-haben-es-geschafft-Nicken zuwerfen, weil ihnen auffällt, dass sie dieselbe teure Uhrenmarke tragen.
Ahhhhh.
Eine dieser kleinen Gesten, die in Reinform zeigen, wie fucked die fuckness wirklich ist.
Natürlich darfst du eine schöne Uhr lieben.
Natürlich darfst du eine teure Uhr besitzen und dich sogar an der absurd aufwendigen Handwerkskunst dieses Dings erfreuen.
Verwechsle sie nur nicht mit dir selbst.
Und wirf dich nicht in denselben bescheuerten Eimer nutzloser Eitelkeit.
Dieser andere Typ trägt dieselbe teure Marke, für die du gearbeitet und gespart hast, aber du weißt einen Scheiß über deinen heimlichen neuen Freund.
Diese Uhr kann dir nicht sagen, ob er seine Frau schlägt.
Sie kann dir nicht sagen, ob er im Bett so vögelt wie ein Fünfzehnjähriger.
Sie kann dir nicht sagen, ob er seinem Sohn je gesagt hat, wie sehr er ihn liebt.
Ja, ich habe selbst so eine.
Und wenn ich darüber nachdenke, weiß ich nicht mal, wo sie ist.
Als ich nach Italien zog und anfing, in den Weinbergen und Olivenhainen zu arbeiten, fiel mir als Erstes der Rhythmus meiner Kollegen auf.
Sie kamen um acht mit dem Klang der Kirchenglocken.
Sie gingen zum Mittagessen, als würden die Glocken ihren Appetit lenken.
Und sie beendeten den Arbeitstag, wenn die Kirchenglocken die Bar zum Aperitivo öffneten.
Den Oliven war scheißegal, wie spät es war.
Den Trauben auch.
Also nahm ich meine Uhr ab.
Das ist über zwanzig Jahre her.
Sie hat mir nie gefehlt.
Und vielleicht ist das das Lustige an Uhren.
Die teure verschwand irgendwo in einer Schublade, und ich weiß nicht einmal mehr, in welcher.
Eine andere alte Uhr hing jahrelang draußen, stehen geblieben, vergessen, wurde langsam Teil der Einrichtung.
Bis sie eines Abends wieder anfing zu ticken.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Es gibt keinen fucking Uhrenclub.
Den gab es nie.
Es gibt nur Uhren.
Und dann gibt es die Zeit.
… das nächste Stück kommt. Bald.
Und übrigens: Sei nett zu deinen Genitalien!
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Keine Plattformen. Kein Tracking. Nur ich.
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Kein Druck. Keine Gegenleistung. Einfach ein kleines Dankeschön, wenn es sich richtig anfühlt.
